AL 2 Bonn, den 24. Juli 1991
V e r m e r k
Betr.: Gespräch des Herrn Bundeskanzlers mit dem amerikanischen Präsidenten Bush im Rahmen eines Frühstücks am Montag, 15. Juli 1991 in London
Präsident Bush heißt den Bundeskanzler herzlich willkommen und erklärt, er habe bei seiner Begegnung mit Präsident Mitterrand in Paris ausführlich die Themen Sicherheitspolitik und NATO-Gipfel behandelt.
Der Bundeskanzler wirft ein, er würde gerne mit dem Präsidenten nach der Sommerpause hierüber reden.
Präsident Bush fährt fort, Mitterrand habe sich sehr kritisch über die Schnelle Eingreiftruppe der NATO geäußert. Mitterrand sei offenbar besorgt, daß daran gedacht sei, diese Truppe in Jugoslawien einzusetzen. Er habe ihm deutlich gemacht, daß davon nie die Rede gewesen sei. Gleichzeitig habe Mitterrand ihm allerdings versichert, daß er bereit sei gegenüber dem Irak mehr zu tun.
Der Bundeskanzler erklärt, man müsse sehen, daß sich in Paris eine dramatische Veränderung vollzogen habe. Die Lage sei für Frankreich während des Ost-West-Konfliktes einfacher gewesen. Jetzt sehe Frankreich, daß Deutschland durch die Einheit stärker geworden sei. Gleichzeitig relativiere sich die Bedeutung von Nuklearwaffen. Deswegen denke er verstärkt darüber nach, was man tun könne, um Frankreich einzubinden.
Präsident Bush erklärt, er habe den Eindruck gewonnen, daß Mitterrand versuche, Sicherheitsfragen mehr und mehr in einen EG-Kontext zu stellen. Für die USA sei es aber entscheidend, daß die NATO nicht unterminiert werde. Man solle daher in der Tat über diese Fragens prechen.
BM Genscher wirft ein, man habe einen guten Text in das Kopenhagener Kommunique aufgenommen.
Der Bundeskanzler erklärt, die Lage sei für die Deutschen psychologisch schwieriger geworden. Er selber werde sich darum kümmern, daß es im Verhältnis zu Frankreich nicht zu Dissonanzen komme. Nach Beendigung des Ost-West-Konfliktes sei es in der Tat nicht mehr so einfach zu sagen, wo nun am Ende rot und blau sei.
Präsident Bush erwidert, solange Raketen auf New York gerichtet seien, wisse er, wo rot und blau sei.
Der Bundeskanzler erklärt, er habe an zehn Jahre später gedacht.
Präsident Bush erklärt, Außenminister Baker könne vielleicht kurz über seine Gespräche mit Bessmertnych über START berichten. Man wolle in jedem Fall versuchen, die Sache heute zu regeln.
Außenminister Baker erklärt er habe non stop mit Bessmertnych verhandelt und alle Fragen - bis auf eine - geklärt. Diese betreffe die Definition des Wurfgewichts. Dies sei außerordentlich wichtig, weil davon abhänge, ob die Sowjetunion einen bestimmten neuen Raketentyp bauen könne oder nicht. Insgesamt handele es sich um eine außerordentlich komplizierte technische Frage. Andere Probleme - beispielsweise das der Verifikation - habe man gelöst. Dazu gehöre auch die Frage des "Loading down". Hierfür habe man einen guten Kompromiß gefunden, indem man sich auf 1250 Sprengköpfe geeinigt habe. Er wolle aber nochmal klarstellen, daß die noch offene Frage des Wurfgewichts außerordentlich wichtig sei, weil davon abhänge, ob die Sowjetunion ihre Systeme modernisieren könne oder durch das START-Abkommen gebunden sei.
Präsident Bush erklärt auf eine entsprechende Frage des Bundeskanzlers, man sei in der Tat sehr gut vorangekommen. Die Sowjetunion habe alles daran gesetzt, die Sache vor London zu lösen.
Er habe heute mit PM Major über die Themen des Gipfels gesprochen, so u.a. über den Besuch von Gorbatschow, die GATT-Runde und die Schulden der Dritten Welt. Diese drei Themen seien Majors Prioritäten. Es gebe allerdings auch noch andere wichtige Themen, wie beispielsweise das Thema Umwelt.
Der Bundeskanzler erklärt, er glaube, daß man bei GATT in diesem Jahr zu einem guten Ende komme. In der Europäischen Gemeinschaft werde es im Sereich der Landwirtschaftspolitik zu der bisher größten Veränderung kommen. Dies werde schwerwiegende innenpolitische Probleme nach sich o ziehen, insbesondere für Frankreich, aber auch für uns. Er werde sich persönlich dafür einsetzen, daß die Diskussion in den nächsten Wochen vorankomme.
Präsident Bush erklärt, Major habe ihm etwas gesagt, das ihn nachdenklich stimme, nämlich daß Frankreich behauptet habe, die USA wollten keinen Abschluß bei GATT. Dies könne er schlicht nicht verstehen. Der Bundeskanzler habe in dieser Frage im übrigen den Schlüssel in der Hand - auch gegenüber Frankreich.
Der Bundeskanzler erklärt, er sehe hier durchaus Chancen. Nicht zuletzt für die Länder der Dritten Welt wäre ein Scheitern bei GATT eine Katastrophe.
Präsident Bush erklärt, er könne dem nur nachdrücklich zustimmen.
Der Bundeskanzler fährt fort, es gebe allerdings einen Punkt, wo wir nicht übereinstimmten, das sei die Umweltfrage. 14 Tage vor dem nächsten Gipfeltreffen in München werde die Umweltkonferenz in Brasilien stattfinden. Wenn Brasilien scheitere, könne man sich vorstellen, was dies für München bedeute. Es sei daher wichtig, das jetzt zur Diskussion stehende Pilotprojekt für Brasilien einzubringen. Im übrigen werde die ganze Frage weltweit mehr und mehr zu einem innenpolitischen Problem.
Präsident Bush erklärt, die Vereinigten Staaten hätten ein Luftreinigungsgesetz durchgesetzt, das sie 40 Mrd. Dollar koste. Dies könne sich sehen lassen. Allerdings könnten die USA nicht akzeptieren, daß ihnen von außen bestimmte Standards auferlegt würden.
Der Bundeskanzler erklärt, hier handele es sich wohl um ein Mißverständnis. Es gehe ihm jetzt um das Pilotprojekt für Brasilien. Insgesamt handele es sich um einen Betrag von 250 Mio. Dollar. Er könne nur warnen, dieses Projekt scheitern zu lassen.
Wenn man sich diesem Thema jetzt nicht zu zuwende, werde in 8-10 Jahren der Regenwald verschwunden sein. Im übrigen sei dies auch ein Themd junger Leute.
Herr Zoellick erklärt auf Bitten von Präsident Bush, bei den 250 Mio, Dollar handele es sich nur um einen Teil von insgesamt 1,6 Mrd. Dollar. Das amerikanische Finanzministerium sei der Auffassung, daß an diesem Projekt zu viel Administration hänge. Im übrigen sei man hierüber mit der Weltbank im Gespräch.
Der Bundeskanzler erklärt, auch er sei nicht an neuen bürokratischen Organisationen interessiert. Er plädiere dafür, daß man im Prinzip zustimme und dann die Bedingungen definiere. Er wolle alle Teilnehmer des Gipfels davor bewahren, am Ende ungünstig dazustehen.
Präsident Bush erklärt er wolle behilflich sein. Im übrigen gebe es auch das Programm "Enterprise for the Americas", bei dem er auf deutsche Unterstützung hoffe.
Präsident Bush fährt fort, die amerikanische Seite sei besorgt über den Versuch, die G 7 zu institutionalisieren. Die Japaner hätten entsprechendes Interesse signalisiert. Es gebe aber schon genug Organisationen.
Der Bundeskanzler wirft ein, wir wollten eine solche Institutionalisierung nicht.
Präsident Bush fährt fort, PM Major habe ihm erklärt, daß man jetzt ein follow-up zu dem Gespräch mit Präsident Gorbatschow brauche. Er wolle nicht, daß dies alles in einer internationalen Bürokratie ende.
Der Bundeskanzler erklärt, was man jetzt für die Sowjetunion tue, sei eine Sache, da könne man bestimmte Überlegungen anstellen.
AM Baker erklärt, man dürfe nicht vergessen, daß jeder seine eigenen Beziehungen zur Sowjetunion habe. Man spreche hier von ökonomischen Fragen und nicht von den politischen Beziehungen. Es müsse klar sein, daß Präsident Bush kein kollektives follow-up für die wirtschaftlichen Beziehungen mit der Sowjetunion haben wolle.
Der Bundeskanzler erklärt, wenn die Japaner eine permanente Struktur wünschten, so bedeutet dies, daß sie die bestehende Struktur im VN-Sicherheitsrat überwinden wollten. Dies sei nicht seine Absicht.
(Dr. Hartmann)