RL 213
Bonn, den 25. Februar 1991
V e r m e r k
über das Gespräch des Bundeskanzlers mit dem iranischen Außenminister Velayati am Montag, den 18. Februar 1991, 16.00 - 17.00 Uhr
Gesprächsteilnehmer:
auf deutscher Seite:
- der Bundeskanzler
- VLR I Dr. Ueberschaer als note-takervat
- Dolmetscherin Frau Notbohm
auf iranischer Seite:
- AM Dr. Ali Akbar Velayati
- Botschafter Seyed Hossein Mousavian als note-taker
- Herr Akbar Parvaresh, Abgeordneter und stellvertretender Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des iranischen Parlaments
- Herr Hamid Reza Asefi, Generaldirektor für Westeuropa im iranischen Außenministerium
Der Bundeskanzler begrüßt die Möglichkeit eines Meinungsaustausches mit dem iranischen AM in einer wichtigen Stunde der internationalen Politik. Er schlägt als Gesprächsthemen den Golfkonflikt sowie bilaterale Fragen vor. Der iranischen Einschätzung der Entwicklungen am Golf gelte sein besonderes Interesse. Er habe dieses Thema zuletzt mit Präsident Gorbatschow erörtert, der deswegen seine Verhandlungen mit Tariq Aziz unterbrochen habe. Er werde sein Gespräch mit Gorbatschow morgen weiterführen.
Er schlage eine ganz offene Aussprache vor, wobei beide Seiten sich verpflichteten, nichts zu veröffentlichen.
AM Velayati stimmt zu, dankt für den freundlichen Empfang und übermittelt Grüße von Präsident Rafsanjani (die der Bundeskanzler erwidert).
Er wolle gern über die letzten iranischen Erkenntnisse zur Golfkrise berichten. Er selbst sei gestern abend mit dem irakischen AM Tariq Aziz in Teheran zu einem 1 1/2-stündiqen Gespräch zusammengetroffen. Dabei habe er den Eindruck gewonnen, daß der Irak wirklich entschlossen sei, SR-Res. 660 zu akzeptieren. Tariq Aziz habe geäußert, daß der Irak seine Zustimmung hierzu ja bereits öffentlich erklärt habe, wobei ihm lediglich die Alliierten unterstellten, diese Annahme mit Bedingungen zu verknüpfen.
Velayati habe Tariq Aziz die konkrete Frage gestellt, ob der Irak Kuwait wirklich völlig räumen wolle. Die Antwort habe gelautet, daß der Irak den Rückzug in der Hauptsache akzeptiert habe und man daher nicht in die Einzelheiten zu gehen brauche. Auf die Frage, wieso der Irak sich jetzt zum Rückzug entschlossen habe, habe Tariq Aziz eine Reihe wenig schlüssiger Begründungen abgegeben. Dabei sei es ihm offenbar nur darum gegangen, die Änderung der irakischen Haltung zu rechtfertigen.
Er, Velayati, habe den Eindruck, daß Tariq Aziz vor allem deswegen in die Sowjetunion gereist sei, um deren Hilfe als SR-Mitglied für einen gesichtswahrenden Abzug der iranischen Truppen aus Kuwait zu erhalten.
Die SU schätze die irakische Haltung offenbar ebenso ein, da sonst Gorbatschow Bush nicht gebeten hätte, den Beginn des Landkrieges noch aufzuschieben. Die iranische Regierung sei jedenfalls davon überzeugt, daß die irakische Führung ihre Grundhaltung geändert habe. Jetzt gelte es, diese Meinungsänderung umzusetzen und den Irak nicht weiter zu zerstören.
Der Bundeskanzler erklärt, daß er das irakische Verhalten nicht verstehe. Er habe zusammen mit Präsident Mitterrand den Text der irakischen Erklärung vom 15.2.1991 lange studiert.
Er habe darin als einziges interessantes Element feststellen können, daß der Irak Kuwait nicht länger als 19. Provinz in Anspruch nehme, was in der Tat auf eine Änderung der bisherigen irakischen Haltung hindeute. Die maßgebliche SR-Res. 660 habe der Irak jedoch unter so zahlreichen Vorbehalten akzeptiert, daß von einer Zustimmung nicht die Rede sein könne.
Saddam Hussein täte gut daran, jetzt - entsprechend SR-Res. 660 - Kuwait umgehend zu räumen, da nur dies ihm die Chance ließe, das Gesicht zu wahren. Erklärtes Kriegsziel der Golfkoalition sei lediglich die Räumung Kuwaits, nicht die militärische Besetzung des Irak. Wenn er durch die Räumung Kuwaits den Krieg beende, könne er durchaus sein Ziel, die weltweite Diskussion der politischen Probleme der gesamten Region anzufachen, weiterverfolgen. Wenn er dagegen jetzt keine konstruktiven Schritte unternehme, werde es ihm schwerfallen, noch "die Kurve zu bekommen". Die Landoffensive der Alliierten werde nicht mehr lange aufgeschoben werden. Er, der Bundeskanzler, sei seinerzeit davon ausgegangen, daß Saddam Hussein Kuwait bereits vor dem 15. Januar räumen werde. Daß er es nicht getan habe, sei ebenso unverständlich wie der von ihm entfesselte achtjährige Krieg gegen den Iran, mit dessen Regierung er jetzt so umgehe, als habe es nie einen Krieg gegeben.
AM Velayati wirft ein, daß Saddam Hussein jetzt unter dem Druck eines Luftkrieges nachgebe, der nach und nach zur Zerstörung des gesamten Landes führe. Vor Beginn des Luftkrieges habe er sich dessen Zerstörungskraft nicht vorstellen können.
Der Bundeskanzler fragt, ob diese Aussage auf bloßen Annahmen oder auf Informationen beruhe.
AM Velayati erwidert, daß man im Iran Saddam Husseins Denkweise gut kenne. Er selbst habe zwei Jahre mit AM Tariq Aziz verhandelt und könne sich durch dessen Schilderungen auch ein Bild von der Psyche Saddam Husseins machen.
Der Bundeskanzler bemerkt, daß Velayati aufgrund seiner Ausbildung als Kinderarzt hierfür die richtigen Voraussetzungen mitbringe. Velayati kommt erneut auf sein Gespräch mit Tariq Aziz vom Vortage zurück, bei dem er 1 1/2 Stunden lang herauszufinden versucht habe, ob die Bereitschaft des Irak, Kuwait zu räumen, bloße Taktik sei oder ob es ihm damit ernst sei. Er habe den Eindruck gewonnen, daß die irakische Führung tatsächlich bereit sei, Kuwait zu räumen und zwar aufgrund der enormen Zerstörungen im Irak. Die Ministerien, Kommunikationszentren, Schulen, Brücken - sogar das Gebäude, in dem der sowjetische Sonderemissär Primakow sich hätte aufhalten sollen - seien alle zerstört. Offenbar fühle sich auch die irakische Führung in ihrer eigenen Sicherheit bedroht, seitdem der Luftkrieg aus allen Himmelsrichtungen von der Türkei, vom Roten Meer, vorn Persischen Golf und von Saudi-Arabien her - in ihr Land getragen werde.
Er, Velayati, habe Tariq Aziz gefragt, wie er einen Waffenstillstand zur Räumung Kuwaits herbeiführen wolle. Tariq Aziz habe auf die Vermittlung durch die Sowjetunion verwiesen. Da er, AM, einen Tag zuvor selbst in der Sowjetunion gewesen sei, habe er Tariq Aziz auf die sowjetische Warnung hingewiesen, daß der Irak schnell handeln müsse, wenn er wirklich auf einen Waffenstillstand Wert lege.
Der Bundeskanzler bekräftigt, daß dies richtig sei.
AM Velayati fährt fort, daß die Regierungen des Iran, der Sowjetunion und der EG-Staaten in der Auffassung übereinstimmten, daß der Irak Kuwait räumen müsse, daß jedoch die territoriale Integrität des Irak erhalten bleiben solle. Lediglich GB vertrete hier eine andere Position.
Der Bundeskanzler unterbricht mit dem Hinweis, daß auch PM Major keine Zerstörung des Irak wünsche.
AM Velayati äußert, daß man aber manchmal diesen Eindruck haben müsse. Die britische Haltung sei mit der der USA identisch. Die US-Regierung sei wesentlich weniger besorgt um das Wohl des irakischen Volkes als die iranische Regierung. Wenn GB anders denke, sei dies umso besser. Man dürfe den Irak nicht zerstören und ihn nicht desintegrieren. Saddam Hussein sei nicht der Irak.
Der Bundeskanzler bemerkt, daß alles, was zur Destabilisierung der Region führen könne, schlechte Politik sei. Das Problem sei nicht der Krieg, sondern die Zeit danach, die man schon jetzt im Auge haben müsse.
AM Velayati berichtet, daß er über dieses Thema auch mit BM Genscher gesprochen habe. Im Iran wünsche man für die Region eine Friedensordnung, die nicht Fehler der Vergangenheit wiederhole. Der Golf-Kooperationsrat habe keine Friedensordnung für die Golfregion schaffen können. Als Kuwait angegriffen worden sei, habe ihm keines der GCC-Mitgliedsländer geholfen. Immerhin gehöre die Hälfte des Persischen Golfes - und zwar sowohl der Gewässer als auch des Meeresbodens - dem Iran.
Als man den Golfkooperationsrat gründete, habe man jedoch den Eindruck vermittelt, als gebe es den Iran nicht. Der Iran habe Saddam Hussein acht Jahre Widerstand geleistet; Kuwait hingegen keine zwei Stunden. Während heute die ganze Völkergemeinschaft Mühe habe, um mit Saddam Hussein fertig zu werden, habe der Iran im ersten Golfkrieg von niemandem Hilfe verlangt oder erhalten.
Aus einem künftigen regionalen Sicherheitssystem könne man weder den Iran noch den Irak ausschließen. Den Grundstein einer künftigen Sicherheitsordnung in der gesamten Region müßten künftig die acht Golf-Anrainern legen. Die EG-Mitgliedstaaten und die Sowjetunion sollten an einer solchen Sicherheitsordnung mitwirken. Das Interesse hieran habe ihm Präsident Gorbatschow kürzlich bestätigt. Der iranische Wunsch nach Mitwirkung der EG-Mitgliedstaaten beruhe auf der Ähnlichkeit iranischer und europäischer Positionen. Wer immer Interesse habe, solle an einer künftigen Friedensordnung in der Golfregion mitwirken.
Auf die Frage des Bundeskanzlers, ob diese Einladung auch für die USA gelte: Der Iran könne der US-Regierung nicht sagen, was sie zu tun und was sie zu lassen habe. Er könne aber auch nicht den Persischen Golf für die Amerikaner verschließen.
Der Bundeskanzler bemerkt, daß all dies aber erst am Tag danach, d.h. in der Zeit nach der Beendigung des Golfkonflikts wirksam werden könne.
AM Velayati äußert, daß man gemeinsam alles tun müsse, um den jüngsten ersten Schritt des Irak so positiv zu interpretieren, wie er gemeint sei. Manche westliche Reaktion sei hier wenig hilfreich: So wenn man den Irak lediglich auffordere, SR-Res. 660 zu akzeptieren und innerhalb von 14 Tagen Kuwait zu räumen. Man hätte als positive Geste eine zweitägige Feuereinstellung anbieten können.
Der Bundeskanzler bemerkt, daß der Irak ein solches Angebot aber nicht abgegeben habe.
AM Velayati erwidert, daß man aber dem Irak mit einer solchen Formel eine Brücke zur Durchführung der SR-Res. 660 gebaut hätte. Solange die täglichen Bombardierungen weitergingen, gehe auch der Krieg weiter, bis die ganze Region vernichtet sei. Ein solches Ende könne niemand wollen.
Der Bundeskanzler bemerkt unter Hinweis auf den Morgenthau-Plan, daß eine Destabilisierungspolitik gegenüber dem Kriegsverlierer den Interessen des Siegers abträglich sei.
Wenn Präsident Bush sicher sein könne, daß eine kurze Zeit der Feuereinstellung vom Irak nicht zu weiteren Verteidigungsvorbereitungen mißbraucht werde, er vielmehr die Erkenntnis gewinne, daß damit wirklich der Abzug beschleunigt werde, habe ein solcher Vorschlag gute Chancen. Die US-Regierung wolle den Landkrieg vermeiden. Sie sei daher auch besonders an Informationen darüber interessiert, wie groß das Maß der Zerstörung des Irak sei. Die US-Regierung sei jedoch der Überzeugung, daß wenn der Irak Kuwait innerhalb weniger Stunden besetzen konnte, er auch zum Abzug nicht mehr Zeit benötige.
Er, der Bundeskanzler, glaube nicht daran, daß es das Ziel der USA sei, den Irak völlig zu zerstören. Das gelte ebenso für GB und F. Mit PM Major sei er, BK, sich einig gewesen, daß eine Sicherheitsordnung für die Stabilisierung der ganzen Region, also des Nahen und des Mittleren Ostens unerläßlich sei. An einer solchen Sicherheitsordnung müßten alle Regierungen der Region beteiligt werden. Der Golfkrieg habe die Lage im ganzen Nahen und Mittleren Osten grundlegend verändert. Daraus könnten auch neue Chancen erwachsen.
Der Bundeskanzler unterstreicht sodann sein Vertrauen und seine Hoffnung auf die Rolle, die Präsident Gorbatschow bei einer solchen künftigen Friedensordnung für die Region spielen werde.
AM Velayati bekräftigt, daß dies auch die Hoffnung des Iran sei.
Er berichtet sodann, daß Tariq Aziz nach seinen Gesprächen in Moskau am heutigen Vormittag erneut in den Iran kommen werde, um hier - evtl. mit Präsident Rafsanjani selbst - die Ergebnisse seiner Moskauer Gespräche zu erläutern.
Der Bundeskanzler fragt, ob Tariq Aziz Einfluß auf Saddam Hussein habe, ja ob es überhaupt jemand gebe, der Saddam Hussein beeinflussen könne.
AM Velayati erwidert, Saddam Hussein habe Einfluß auf alle, aber niemand habe Einfluß auf ihn. Tariq Aziz sage nur, was Saddam Hussein wolle. Grundsätzlich verlese er dessen Weisungen. Diese Praxis sei ihm schon von den Friedensgesprächen nach dem ersten Golfkrieg bekannt. Er, AM, habe den Eindruck, daß Saddam Hussein jedes Wort bestimme, das Tariq Aziz äußere. Da Tariq Aziz keinerlei Entscheidungsmacht habe, könne er auch nicht flexibel sein. Bei seinem gestrigen Gespräch mit Tariq Aziz habe er, AM, gedacht, er höre Saddam Hussein sprechen.
Der Bundeskanzler kommt sodann auf die traditionellen Beziehungen zwischen dem Iran und Deutschland zu sprechen, die er vertiefen wolle. Die hilfreiche iranische Rolle im jüngsten Golfkrieg sei von großer Bedeutung. Dies werde von unseren europäischen Partnern genauso gesehen.
AM Velayati bemerkt, daß Präsident Rafsanjani ihn gebeten habe, auf einige große deutsch-iranische Kooperationsprojekte hinzuweisen, die seit dem ersten Golfkrieg unvollendet geblieben seien: das KKW Busher und die Pestizidfabrik Ghazvin. Da er, AM, wisse, wie sehr der Bundeskanzler und Präsident Rafsanjani an einer Entwicklung der bilateralen Beziehungen interessiert seien, wolle er auch die übrigen bestehenden Probleme ansprechen.
In der bilateralen deutsch-iranischen Handelsbilanz bestehe ein großes Ungleichgewicht zu Lasten des Iran. Ebenso herrsche große Zurückhaltung deutscher Firmen beim Technologietransfer nach dem Iran. Ferner hätten bei Beginn der jüngsten Golfkrise eine Reihe deutscher Fachleute, die man dringend benötige, den Iran verlassen.
Er, Velayati, bedauere dies. Im iranischen Denken habe Deutschland, hätten die Deutschen stets eine besondere Stellung eingenommen. Er selbst sei schon als Kind von Deutschland tief beeindruckt gewesen. Die bilateralen Beziehungen hätten jetzt leider nicht mehr die von der iranischen Regierung gewünschte Qualität. Der gegenwärtige Umfang des bilateralen Handelsvolumens sei irreführend,- er sei nicht stabil. Die Deutschen hielten vielfach im Handel ihre Zusagen nicht ein. Milliardensummen, die der Iran investiert habe, seien durch mangelnde deutsche Kooperationsbereitschaft nicht mehr nutzbar. Er sei gebeten worden, dies dem Bundeskanzler und auch BM Genscher vorzutragen.
Der Bundeskanzler äußert dazu, daß man diese Punkte innerhalb der Bundesregierung erörtern müsse. Er wolle nicht ausschließen - und dies nicht zuletzt wegen der positiven Rolle des Iran im jüngsten Golfkrieg - daß man einen Schritt aufeinander zugehen könne, wenn erst der Golfkrieg vorbei sei. Dies müsse man diskret prüfen. Er, BK, sei an einem guten deutsch-iranischen Verhältnis interessiert. AM möge dies Präsident Rafsanjani mitteilen.
AM Velayati kommt erneut auf die besondere Bedeutung Deutschlands in den Vorstellungen des iranischen Volkes zu sprechen. Als iranischer Außenminister versuche er, die Beziehungen zu Deutschland zu fördern. Daher habe er auch die deutsche Vereinigung besonders begrüßt und wolle dem Bundeskanzler noch einmal dazu gratulieren.
Der Bundeskanzler unterstreicht, daß sich die Deutschen mit der neuen Situation ihres Landes schwer täten. Geopolitisch, wirtschaftlich und nach unserer Bevölkerungszahl ständen wir jetzt in Europa an der Spitze. Dies bringe für uns vor allem größere Verantwortung mit sich, was nicht immer bequem sei. Viele deutsche Landsleute seien aber bequem geworden. Er, BK, sehe es als seine Aufgabe an, diese aufzuwecken. Dazu gehöre es auch, alte Beziehungen aufzufrischen, wie die zum Iran. BK verweist in diesem auf das Beispiel der deutsch-sowjetischen Beziehungen. Er empfiehlt Velayati in diesem Zusammenhang, auf die künftigen Entwicklungen in Europa zu achten, das bis zum Jahre 1996 bei politischer Integration einen großen Sprung nach vorn tun werde. Deutschland sei ein Teil dieses Europa.
AM Velayati versichert, daß er Präsident Rafsanjani diese Botschaft vermitteln wolle. Er sei sicher, daß dieser das Interesse des Bundeskanzlers am Ausbau der bilateralen Beziehungen sehr begrüßen werde.
(Dr. Ueberschaer)