Chef BK, Referat 214 Bonn, den 18. Februar 1994
V e r m e r k
Betr.: Gespräch AL 2 mit dem iranischen Botschafter Mousavian am 17 Februar 1994
I. Zusammenfassung
Der Botschafter der Republik Iran, Mousavian, suchte AL 2 am 17. Februar 1994 zu einem 1 1/2-stündigen Gespräch auf. Der Botschafter entwickelte dabei Vorstellungen über eine umfassende Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Iran, insbesondere in den drei Bereichen
- Aufrechterhaltung der politischen Stabilität in der Region des mittleren Ostens und der Golf-Anrainerstaaten;
- Zusammenarbeit zur Gewährleistung zur politischen Stabilität in den Kaukausus-Staaten und in den moslemischen Staaten der GUS;
- sowie zur zukünftigen Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und dem Iran.
Darüber hinaus sprach er auch eine Zusammenarbeit auf den Gebieten der Abrüstung, der gemeinsamen Bekämpfung des Terrorismus sowie der Unterstützung des Nahost-Friedensprozesses an.
Ergänzend erwähnte er
- eine mögliche Zusammenarbeit zur Herstellung von Kontakten des Westens mit der islamischen Welt
- die iranische Zielsetzung (2 Freijahre 4 Rückzahlungsjahre) in den gegenwärtig laufenden Umschuldungsverhandlungen zwischen Deutschland und Iran
- sowie die mögliche deutsche Teilnahme an Großprojekten für den beginnenden zweiten iranischen Fünfjahresplan. Abschließend kam er auf den im Iran erhofften Besuch des Bundeskanzlers zu sprechen.
Hinsichtlich der von ihm entwickelten Ideen zur Zusammenarbeit stellte sich beim Abschluß des Gespräches heraus, daß der Botschafter diese persönlichen Überlegungen nach Teheran gegeben hat, damit sie möglicherweise Eingang in den Brief von Präsident Rafsanjani an den Herrn Bundeskanzler, der bei einem Treffen des Bundeskanzlers mit dem iranischen Vize-Außenminister Vaezi am 25. Februar übergeben werden soll, Eingang finden.
II. Im Einzelnen
Botschafter Mousavian danke eingangs für die Gelegenheit zum Gespräch und führte aus, daß er Vorstellungen über die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Deutschland und dem Iran in der Region des Nahen und Mittleren Ostens sowie in dem Bereich der moslemischen Mitgliedsstaaten der GUS entwickeln wolle.
AL 2 führte aus, daß die deutsch-iranischen Beziehungen traditionell gut gewesen seien, daß sie neben den Höhen aber auch Tiefpunkte gekannt hätten. Die Gründe brauche man nicht zu vertiefen, sie seien beiden Selten bekannt.
Wir seien uns der Bedeutung des Iran in der Region bewußt. Die deutsche Politik gegenüber dem Iran habe von Anfang an zum Ziel gehabt, den Iran In eine konstruktive Lösung der regionalen Probleme einzubeziehen.
Hinsichtlich der gegenwärtigen Verschuldungsprobleme wisse er um die Problematik, bitte Jedoch, diese bei dem am gleichen Tage vorgesehenen Termin AL 4 anzusprechen.
Der Botschafter sprach als ersten Punkt die Wahrung der Sicherheit und politischen Stabilität in der Region des Persischen Golfes an. Es sei auch im Interesse Europas, wenn dort Friede und Stabilität herrsche. Es esse möglich sein, langfristig eine Zusammenarbeit der Golf-Anrainerstaaten in einer Weise zu ermöglichen, wie sie etwa im KSZE-Rahmen in Europa stattfinde. Der Iran arbeite ehrlich daran, dies zu ermöglichen. Er erhoffe sich, daß Deutschland seine Bereitschaft erkläre, den Iran zu unterstützen, wenn der Iran den anderen Ländern in dieser Region signalisiere, daß man in dem oben angegebenen Sinne (KSZE) mit ihnen zusammenarbeiten wolle.
Der Iran wolle in der Region zur Stabilität beitragen. Es sei aber nicht, hinzunehmen, daß die Entwicklung in dieser Region nur von einer Macht (Anmerkung: gemeint wohl die USA) kontrolliert werde. Es gehe darum, ein Gleichgewicht in der Region herzustellen.
AL 2 begrüßte den Denkansatz in Richtung KSZE. Er wies darauf hin, daß die KSZE in Europa zum Abbau von Spannungen und zur politischen Vertrauensbildung erheblich beigetragen hätte und daß in Europa früher einmal Vorschläge gemacht worden seien, eine derartige Ordnung auch auf das Mittelmeergebiet auszudehnen. Auch bei den gegenwärtigen Nahost-Friedensverhandlungen würde eine Perspektive entwickelt, die in Richtung regionaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit und politischer Vertrauensbildung gehe. Dabei werde es auch darum gehen, zwei wichtige Ressourcen, Wasser und Öl, mit ihrer Bedeutung für die gesamte Region einzuplanen.
Er sagte dem Polschalter zu, die iranischen Gedanken mit dem Auswärtigen Amt aufzunehmen und zu prüfen, in welcher Form man einen derartigen Ansatz weiterverfolgen könne. Er wolle offenlassen, ob der bilaterale Ansatz oder ein Ansatz in Rahmen der Europäischen Union der bessere sei.
Der Botschafter kam dann auf die ECO (Economy Cooperation Organisation) zu sprechen, die für die zukünftige Stabilität in der Region des mittleren Ostens und des südwestlichen Asiens von entscheidender Bedeutung sei. Diese Organisation, der früher nur die Türkei, der Iran und Pakistan angehört hatten, sei jetzt durch den Zusammenschluß mit einigen moslemischen Staaten der GUS sowie Afghanistan inzwischen zu einem Verband mit zehn Ländern und insgesamt 300 Millionen Einwohnern geworden. Iran sei eine gewisse Brücke zwischen diesen Staaten und der übrigen Welt. Auch hier biete sich eine Überlegung an, inwieweit die Europäische Union mit der ECO zusammenarbeiten könne. Der Iran sei jedenfalls bereit, sein Potential zur Verfügung zu stellen, um eine Zusammenarbeit zu ermöglichen.
AL 2 führte aus, daß auch wir die Entwicklungen in der Region mit Interesse und zum Teil mit Sorge (Afghanistan) beobachten. Es seien in diesem Raum natürlich auch die Interessen Rußlands zu beachten. Rußland habe dort Interessen, aber auch für Rußland gelte, daß es sich an die Spielregeln der KSZE-Charta von 1990 halten müsse.
Der Botschafter führte aus, daß das Problem für die Region darin bestehe, daß Rußland weiterhin den größten Einfluß in diesem Gebiet habe. Der Iran wolle gute Beziehungen zu Rußland, aber es gehe darum, in diesem Gebiet eine gewisse Stabilität herzustellen. Der Iran sei bereit, zusammen mit Rußland und den europäischen Staaten sich dort dem Ziel der Stabilität zu verschreiben. Ohne Rußland sei eine Politik gegenüber dieser Region nicht möglich, aber es sei auch nicht akzeptabel, daß Rußland dort wie in den alten sowjetischen Zeiten schalte und walte.
Der Botschafter sprach dann als dritten Punkt die Beziehungen zwischen dem Iran und der Europäischen Union an. Der Iran wickele 50 %. seiner Wirtschaftsbeziehungen mit der Europäischen Union ab, dabei habe Deutschland den Hauptanteil von 30 %. Das Problem für den Iran bestehe dahin, daß es keinerlei vertragliche Beziehungen mit der Europäischen Union habe und das deshalb ein institutioneller Rahmen für auf Dauer angelegte Beziehungen fehle. Der Iran wünsche, daß diese Beziehung eine vertragliche Grundlage bekäme. Sein Vorschlag laute dahingehend, daß Deutschland in der Troika sich schon jetzt dafür einsetzen möge, daß auch mit Iran Verträge, wie sie etwa mit den Golf Kooperationsstaaten bestünden, ausgearbeitet würden.
AL 2 führte aus, daß er kein Geheimnis preisgebe, wenn er eine gegenüber Iran kritische Stimmung in der Europäischen Union konstatiere Dem Botschafter seien die Gründe hierfür bekannt. Die Vorschläge des Botschafters für vertrauensbildende Maßnahmen und Ansätze in der Region seien geeignet, um auch die psychologische Distanz, die gegenwärtig in Europa gegenüber den Beziehungen zum Iran vorherrsche, zu reduzieren.
Ein ganz besonderer Gesichtspunkt sei dabei die gegenwärtige iranische Haltung zu dem Nahost-Friedensprozeß. Hier wäre ein Vertrauensvorschuß sehr wichtig. Wenn der Iran sich verstehen würde, diesen Prozeß positiv zu begleiten und die aus unserer Sicht noch bestehende kritische Distanz gegenüber dem Friedenprozeß abzubauen, dann könne er sich vorstellen, daß die EU möglicherweise besseren Beziehungen mit dem Iran und der Region positiver gegenüberstehen würde. Er werde auch diesen Gedanken mit den Kollegen im Auswärtigen Amt auf nehmen, um ihn gegebenenfalls bei der Vorbereitung der deutschen Präsidentschaft zu berücksichtigen.
Der Botschafter kam darauf zu sprechen, daß die USA dem Iran vor drei Monaten ein Papier übergeben hätten, indem sie drei Bereiche aufgelistet hätte, die einer Verbesserung der Beziehungen im Iran entgegenstünden:
- Kritische iranische Haltung zum Friedensprozeß im Nahen Osten
- Iranische Aufrüstung
- Terrorismus-Vorwürfe gegenüber dem Iran.
Zu diesen Problemen wolle er sagen, daß der Iran bezüglich der Abrüstungsbemühungen in der Region schon vor längerem in einem Brief von Präsident Rafsanjani an den Bundeskanzler einen Vorschlag unterbreitet hätte, daß der Iran nicht nur zu einer konventionellen Rüstungskontrolle, sondern auch zu einer Kontrolle im Bereich der ABC-Waffen für die ganze Region bereit sei. Der Iran betreibe eine Politik der offenen Tür und könne sich mit Kontrollen einverstanden erklären. Wichtig sei, eine Regelung zu finden, die das Gleichgewicht für die ganze Region gewährleiste. Es sei auch nicht im iranischen Interesse, wenn allein Saudi-Arabien z.B. für 30 Milliarden Dollar Waffen in den USA kaufe. Dies sei eine Summe, die doppelt so hoch sei wie der gesamte iranische Staatshaushalt.
AL 2 führte aus, daß diese saudische Haltung auch psychologisch zu verstehen sei und mit der Frage des Vertrauens in die Haltung des Iran zusammenhänge.
Der Botschafter bestätigte dies. Hinsichtlich der iranischen Haltung gegenüber dem Nahost-Friedensprozeß wolle er den Vorschlag machen, daß der Iran zu einer AG mit den europäischen Staaten bereit sei, wenn diese der Auffassung seien, daß die Haltung des Iran in dieser Frage so bedeutend sei.
Er wolle für den Iran sagen, daß der Iran nichts unternehme, um diesen Prozeß zu stören, auch wenn bekannt sei, daß seine Regierung dem Prozeß noch skeptisch gegenüberstehe. Wenn der Iran jedoch deutlicher in den Bemühungen zur Unterstützung des Friedensprozesses eingebunden werde, könne er sicherlich seinen Einfluß innerhalb der islamischen Welt geltend machen, um ihn entsprechend zu unterstützen.
Gegenwärtig sage der Iran nur, daß der Vertrag zwischen Israel und der PLO nicht fair sei (weil er nicht alle Palästinenser berücksichtige) und nicht praktikabel sei. Um die Sache abzuschließen, wolle er ausführen, daß Europa sicher sein könne, daß der Iran den Friedensprozeß nicht obstruieren würde. Wenn die iranische Meinung andererseits für sehr wichtig erachtet werde, dann sei Iran bereit, auch im Rahmen einer AG mit Europa damit zusammenzuarbeiten. Auch bezüglich des Terrorismus wolle man mit Europa zusammenarbeiten.
Er wolle gerne einen weiteren Vorschlag machen. Es betreffe die Zusammenarbeit des Westens mit der islamischen Welt. Deutschland habe eine sehr gute Stellung im Rahmen der islamischen Welt, weil es dort nie als Kolonialmacht aufgetreten sei. Der Iran biete an, daß er mit Deutschland zusammenarbeite könne, um die Beziehung zwischen dem Westen und der islamischen Welt zu verbessern.
Der Botschafter kam dann auf den bevorstehenden Besuch (21.-25. Februar) des iranischen Vize-Außenminister Vaezi zu sprechen. Staatssekretär Kastrup sei im vergangenen Juni im Iran als Sondergesandter des Bundeskanzlers von Präsident Rafsanjani empfangen worden. Jetzt entsende Präsident Rafsanjani Vize-Außenminister Vaezi als seinen Sonderbeauftragten nach Bonn. Vize-AM Vaezi werde dabei ein wichtiges Schreiben des Staatspräsidenten überbringen. Er sei das wichtigste Schreiben, welches der Iran in den vergangenen 15 Jahren an uns gerichtet habe. Er sei sich sicher, daß der Präsident Deutschland eine umfassende strategische Zusammenarbeit im politischen Bereich anbieten werde. Teheran habe ihn vorher über den Inhalt dieses Schreibens um Stellungnahme gegeben und er habe dabei die Ideen vorgeschlagen, die er hier vorgetragen habe. Es könne deshalb sein, daß die heute gegenüber AL 2 entwickelten Ideen entsprechenden Eingang in das Schreiben des Präsidenten finden würden. Es handele sich deshalb um kein protokollarisches Schreiben, sondern um ein Schreiben mit substanziellem Inhalt.
Zu den gegenwärtigen Umschuldungsverhandlungen mit dem Iran führte der Botschafter aus, daß sie in erster Linie durch den Preisverfall auf dem Ölsektor bedingt gewesen seien. Man habe jedoch den 2. Fünfjahresplan, der im März dieses Jahres beginne, mit realistischeren Zahlen
hinsichtlich der Preisentwicklung auf dem Erdölsektor abgefaßt. Der Plan gehe jetzt in dieser 2. Fünfjahresperiode nur noch von einem durchschnittlichen Erdölpreis von 10 bis 11 Dollar pro Barrel aus.
Hinsichtlich der Umschuldungsvereinbarung sei die iranische Ausgangsposition, daß man am liebsten 3 Freijahre und 5 Rückzahlungsjahre bekommen würde. Gestern habe das BMWi in den Verhandlungen insgesamt eine Rückzahlungsfrist von 4 Jahren (1 Freijahr, 3 Rückzahlungsjahre) eingeräumt. Die iranische Position sei allerdings die, daß man mindestens 6 Rückzahlungsjahre (2 Freijahre und 4 Rückzahlungsjahre) benötige, um wirtschaftlich wieder auf die Füße zu kommen. Wenn diese Regelung bis heute (17.02.) abend geregelt sei, dann könne sie auch Modellcharakter für die Umschuldungsvereinbarung mit anderen Staaten bekommen.
AL 2 führte aus, daß er die Ausführungen des Botschafters zur Kenntnis nehme, und verwies auf die Besprechung zu diesem Thema mit AL 4.
Der Botschafter fuhr fort, daß es für den Iran darum gehe zu erkennen, daß die deutsche Seite den politischen Willen habe, die entsprechende Umschuldungsvereinbarung abzuschließen. Für seine Seite sei es gut, daß die Delegation mit einem guten Ergebnis zurückkomme. AL 2 stimmte dem Botschafter zu und ließ durchblicken, daß er hinsichtlich der iranischen Umschuldungsvereinbarung schon selber schwierige Gespräche habe führen müssen.
18. Der Botschafter kam dann auf das Angebot einer Zusammenarbeit mit Deutschland im Rahmen des 2. iranischen Fünfjahresplanes zu sprechen. Für den zurückliegenden 1. Fünfjahresplan mit einem Volumen mit insgesamt 125 Milliarden Dollar habe Deutschland einen Anteil von 25 % der Projekte erhalten. Der Iran sei bereit, Deutschland auch im jetzt an-laufenden 2. Fünfjahresplan, der im Volumen mit 100 Milliarden Dollar etwas bescheidener ausfalle, einen etwa gleichhohen Anteil zuzugestehen. Er hoffe, daß es sich hinsichtlich dieser Zusammenarbeit eine günstige Entwicklung geben würde.
Zum Abschluß der Gespräche kam der Botschafter noch auf das Problem einer von iranischer Seite seit langem ausgesprochenen Einladung des Bundeskanzlers zu einem Besuch in Iran zu sprechen. Die iranische Ein-ladung (Präsident Rafsanjani) stehe seit 3 Jahren im Raum und er hoffe, daß der Bundeskanzler möglicherweise in diesem Jahr Zeit finde, um ihr zu entsprechen.
AL 2 versprach, daß er die Erinnerung an die Einladung dem Herrn Bundeskanzler weitergeben werde. Er wolle Jedoch ehrlich sein: Angesichts der erheblichen Belastung des Herrn Bundeskanzlers durch seine Tätigkeit als Regierungschef, Parteivorsitzender und auch noch durch den Vorsitz im Europäischen Rat müßten die Chancen für eine Verwirklichung des Besuches in diesem Jahr deutlich genug eingeschätzt werden.
Der Botschafter versuchte zum Abschluß anzuführen, daß durch die Telefonkontakte und die ausgewechselten Schreiben eine besondere Be-ziehung zwischen dem Bundeskanzler und Präsident Rafsanjani entstanden sei und dies auf die Beziehungen einen positiven Einfluß ausüben könne.
(Dr. Hauswedell)