Referatsleiter 214 Bonn, den 28. Februar 1994
V e r m e r k
Betr.: Gespräch Staatsminister Schmidbauer mit dem iranischen Vize-Außenminister Vaezi am 25. Februar 1994 im Bundeskanzleramt
Staatsminister Schmidbauer nahm am 25. Februar von 13.20 Uhr bis 13.40 Uhr am Gespräch des Herrn Bundeskanzlers mit dem iranischen Vize-Außenminister Vaezi teil und setzte dann das Gespräch mit dem Gast im eigenen Dienstzimmer bis 15.10 Uhr fort. Vize-Außenminister Vaezi war begleitet von Botschafter Mousavian, dem Leiter des Westeuropa-Referats des iranischen Außenministeriums sowie zwei Beamten der Botschaft. Auf unserer Seite nahmen AL 6 und Unterzeichner teil.
1. Staatsminister Schmidbauer bat zu Beginn des Gespräches den Gast um eine Darstellung der gegenwärtigen Probleme bei den Umschuldungsverhandlungen und eine Einschätzung der Erfolgsaussichten dieser Verhandlungen.
2. Vize-AM Vaezi führte aus, daß man sich hinsichtlich der grundlegenden Bedingungen schon relativ nahe gekommen sei. Ursprünglich sei die iranische Seite davon ausgegangen, daß sie zwei Freijahre und fünf Rückzahlungsjahre brauche, während die deutsche Position jetzt die sei, daß man von 22 Freimonaten und 4 Rückzahlungsjahren sprechen.
Schwieriger sei es bei den Verzugszinsen (insgesamt 550 Mio DM) und bei der sog. Barquote. (ca. 120 Mio DM), Der Iran habe der deutschen Seite bedeutet, daß man die Verzugszinsen von 550 Mio DM innerhalb von 5 Jahren zurückzahlen möchte. Für den Iran gehe es entscheidend darum, daß die Abmachung mit Deutschland in einem Mutterabkommen zusammengefaßt werden solle, welches dann auch für die anderen Gläubigerländer als Muster dienen könne.
Wenn der Iran gezwungen werde, die Verzugszinsen und die Barquote sofort zu begleichen, dann würden auch alle anderen Staaten dementsprechende Forderungen stellen. Dies sei für den Iran sehr schwierig. Er sei höchstens bereit, die Barquote innerhalb der 22 Freimonate zu tilgen. Ein weiterer neuer Problempunkt seien die Hermes-Gebühren in Höhe von etwa 100 Mio DM, die die neuen Kreditvereinbarungen mit sich brächten.
Hinsichtlich der Barquote laute das letzte deutsche Angebot, daß diese Beträge innerhalb von 6 Monaten bezahlt sein müßten. Er habe jedoch gerade die Nachricht aus dem Iran bekommen, daß dies nur in einem Zeitraum von 1 1/2 Jahren möglich sei. Die iranische Seite hoffe darauf, daß die deutsche Seite ihren politischen Willen bezeuge, hier eine Regelung zu finden und den Abschluß voranzutreiben. Die Regelung, die gefunden werden müsse, müsse realistisch sein, so daß der Iran sie bezahlen könne. Er wolle jedoch keinerlei Zweifel an dem Grundsatz lassen, daß der Iran zurückzahlen werde.
Darüber hinaus müsse man daran denken, daß es größere Probleme, wie etwa die Wiederankurbelung der Wirtschaftsbeziehungen gebe. Diese Probleme solle man jetzt anpacken.
3. StM Schmidbauer führte aus, daß die Aussage des Bundeskanzlers in dem vorausgegangenen Gespräch, daß eine Lösung für die Probleme gefunden werden müsse, gelte. Allerdings stehe auch die deutsche Seite unter einem erheblichen Druck der Industrie, die sich über die Säumigkeit der Zahlungen aus dem Iran beschwere.
Ganz generell müsse man sich Gedanken machen, wie man die Wirtschaftsbeziehungen wieder ankurbeln könne. Die Zahlungsfähigkeit des Iran sei dafür ein Mittel, aber er wolle hier auch ganz offen sagen, daß das Investitionsklima und das Klima zur Abwicklung von Geschäften im Iran gegenwärtig durch die Tätigkeit der iranischen Behörden gegenüber deutschen Geschäftsleuten im Lande nicht gerade günstig seien. Man brauche Normalität, um Handels- und Geschäftsbeziehungen abzuwickeln. Handlungen, die Unruhe in diese Beziehungen brächten, wirkten sich negativ aus. Es habe In der jüngsten Vergangenheit verschiedene Verhaftungen sehr willkürlicher Natur von Geschäftsleuten gegeben, die sich besser nicht wiederholen sollten, wenn man ernstlich die Absicht habe, die Handelsbeziehungen mit Deutschland voranzutreiben.
4. Vize-AM Vaezi bekräftigte das iranische Interesse daran, die Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen sobald wie möglich nach dem Abschluß der Umschuldungsvereinbarungen zu realisieren. Er sei dazu bereit, über die Schwierigkeiten, die es in bilateralen Beziehungen gebe, zu reden. Die Beziehungen beider Staaten sollten auf beiden Seiten nicht von Gruppen gestört werden, die ihr eigenes Süppchen auf solchen Störaktionen kochen wollten.
Hinsichtlich einiger konkreter Wirtschaftsprojekte wolle er nur ausführen, daß der Iran darüber enttäuscht gewesen sei, daß Deutschland sich bei zwei Projekten der Weltbank im Iran der Stimme enthalten habe. Bei dem einen Projekt habe es sich um eine Kraftwerksausrüstung, die von der Firma ABB geliefert werden, gehandelt. Trotz dieser deutschen Zulieferung habe sich die Regierung der Bundesrepublik Deutschland bei der Abstimmung der Stimme enthalten.
5. Staatsminister Schmidbauer führte einige Fälle (Lufthansa, MAN-Lieferschwierigkeiten) an, die auf unserer Seite Unsicherheiten und Verstimmung hervorgerufen hätten. Für uns sei es nach wie vor erforderlich, daß wir unseren Geschäftsleuten das Gefühl vermitteln könnten, daß ihre persönliche Sicherheit im Iran gewährleistet sei und daß sie vor ungerechtfertigten Festnahmen dort sicher seien. In der Vergangenheit habe es neben den bekannten Fällen Bachmann, Foertsch, Schlax, Szimkus auch andere Fälle gegeben, die sehr zu einer deutschen Unsicherheit und Verstimmung beigetragen hätten, Der Iran schade sich mit diesen Verhaftungen selbst.
Der Fall Szimkus sei äußerst bedauerlich. Jedermann wisse, daß Herr Szimkus ein sehr kleines Licht sei, der niemandem geschadet habe. Persönlich sei er eher ein tragischer Fall. Es sei absolut ersichtlich, daß es sich dabei nicht um einen professionellen Agenten handele und er sei sich sicher, daß die iranische Seite dies auch wisse.
6. Vize-Außenminister Vaezi fragt, ob er Staatsminister Schmidbauer Dokumente übergeben soll, die beweisen würden, daß Herr Szimkus doch nicht so unschuldig sei, wie Staatsminister Schmidbauer ihn jetzt darstelle.
Staatsminister Schmidbauer bejaht dies. Vize-Außenminister Vaezi bezeichnet erneut Szimkus als keinen einfachen Fall. Staatsminister Schmidbauer führt darauf aus, daß der ganze Fall nur politisch hochgespielt worden und daß im Grunde die Begnadigung von Szimkus überfällig sei. Es wäre z.B. eine sehr gute Lösung des gesamten Falles, wenn er z.B. in vier Wochen nach Teheran fliegen und Herrn Szimkus dann mitnehmen könne. Angesichts des deutschen Entgegenkommens und der Kooperation in der Umschuldungsfrage wäre es für den Iran eine denkenswerte Geste, sich dazu bereitzufinden. Vize-Außenminister Vaezi geht jedoch nicht auf diese Anregung ein und versucht zu erläutern, daß es sich bei der Umschuldung und beim Fall Szimkus um zwei völlig verschiedene Fälle handele, die nicht zusammen gesehen werden könnten.
7. Vize-Außenminister Vaezi kommt dann auf die vom Iran gewünschte Zusammenarbeit mit der Europäischen Union zu sprechen. Nach dem Gipfel von Edinburgh und dem Brief Präsident Rafsanjanis an die Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten vom Februar 1993 habe der Iran mit der Präsidentschaft in Dänemark und Belgien Gespräche geführt. Allerdings hätten die dänische und die belgische Präsidentschaft keinen besonderen Elan in dieser Frage gezeigt. Man hoffe jetzt auf die deutsche Präsidentschaft ab Juli und würde gern darauf hinarbeiten, daß es während der deutschen Präsidentschaft zu einer vertraglichen Vereinbarung zwischen dem Iran und der Europäischen Union käme.
8. Staatsminister Schmidbauer führt aus, daß der Brief des Präsidenten mit dem entsprechenden Wunsch vorliege und wir diese Vorschläge im Rahmen unserer Vorbereitung der Präsidentschaft mit in die Überlegungen einbeziehen würden. Der für die EU zuständige Abteilungsleiter habe an dem Gespräch mit dem Bundeskanzler teilgenommen. Die Gedanken und Vorschläge der iranischen Seite würden von uns geprüft und auch an das Auswärtige Amt weitergeleitet werden.
Staatsminister Schmidbauer kommt erneut auf das Klima der bilateralen Beziehungen zu sprechen und betont die Notwendigkeit einer Normalisierung. Er führt als Beispiel unser Verhältnis mit Rußland an, wo früher eine intensive Spionage im bilateralen Verhältnis geherrscht habe. Die letzten Spione seien bereits vor einem Jahr ausgetauscht worden seien. Beide Seiten hätten eingesehen, daß eine Fortsetzung derartiger Aktivitäten nicht gut sei. Es wäre deshalb auch gut, wenn sich im deutsch-iranischen Verhältnis einiges bereinigen ließe.
Vize-AM Vaezi stimmt dem zu und bekräftigt, daß auch der iranischen Seite an einer Verbesserung der Beziehungen läge. Leider sei es auf der iranischen Seite so, daß das Außenministerium einen gewissen Druck anderer Stellen aushalten müsse und daß er es nicht alleine entscheiden könne. Er wolle vorschlagen, daß sich beide Seiten jetzt hinsetzten und eine Liste ihrer Probleme erarbeiteten und dann darüber redeten, wie man sie lösen könne.
Staatsminister Schmidbauer führt aus, daß die schnellste Problemlösung dadurch erreicht würde, daß er Herrn Szimkus innerhalb von vier Wochen in Teheran abholen könne und dadurch die bilateralen Beziehungen einen entscheidenden Anstoß erfahren würden. Vize-AM Vaezi, gibt zu, daß er Schwierigkeiten mit einem derartigen Vorschlag habe. Hinsichtlich der Zukunft von Herrn Szimkus arbeite die iranische Seite gegenwärtig daran, eine Begnadigung dahingehend zu erreichen, daß die Strafe in lebenslänglich umgewandelt werde. Staatsminister Schmidbauer bittet um eine Einschätzung, wieviel Zeit zu einer derartigen Entscheidung, die ohnehin überfällig sei, noch gebraucht werde.
Vize-AM Vaezi gibt an, daß er keine Zelt nennen könne, aber er könne dem Staatsminister mit sehr große Wahrscheinlichkeit versichern, daß Herr Szimkus nicht hingerichtet würde.
Staatsminister Schmidbauer entgegnet, daß diese Tatsache schon längst zwischen beiden Seiten vereinbart worden sei, und daß man jetzt Im Grunde auf ganz andere Entwicklungen warte. Vize-AM Vaezi entgegnet darauf, daß er am Ende seiner Reise einen Bericht über die Ergebnisse schreiben werde und darin auch vorschlagen werde, daß die Begnadigung bald erfolge.
10. Staatsminister Schmidbauer führt erneut aus, daß für die deutsche Öffentlichkeit und für ihn selbst ein gewisser Zusammenhang zwischen der deutschen Kooperation bei der Umschuldungsvereinbarung und im Fall Szimkus bestehe. Er bittet seinen Gesprächspartner um Verständnis, daß dieser Zusammenhang gesehen werden müsse und daß die iranische Seite, wenn sie in einer ähnlichen Situation wäre, es genauso machen würde.
Das deutsche Entgegenkommen gegenüber dem Iran habe es auch schon früher gegeben. Alle Schäden, die die Volks-Mojahedin bei der Botschaftsbesetzung angerichtet hätten, seien bezahlt worden. Wohingegen es nach wie vor in Teheran an der Praxis sei, daß unschuldige Deutsche ins Gefängnis geworfen würden. Hinsichtlich von Herrn Szimkus sei auch bekannt, daß Konsularbesuche fast kaum zugelassen würden und daß Herr Szimkus sich darüber beklage, daß er weder Post absenden noch empfangen könne.
11. Vize-AM Vaezi sagt, daß er zum ersten Mal davon höre und daß er dies nicht für zutreffend halte.
Staatsminister Schmidbauer führt aus, daß er einen Brief an Herrn Szimkus schreiben wolle, um zu testen, ob dieser Brief ankomme.
Staatsminister Schmidbauer erläutert dem Gast, daß er dankbar wäre, wenn das Bundeskanzleramt die Tatsache der Begnadigung von Herrn Szimkus zuerst durch den Botschafter erfahre und diese Tatsache nicht durch die Presse übermittelt werde.
Vize-AM Vaezi sagt dies zu.
12. Staatsminister Schmidbauer führt zum Abschluß aus, daß er deutlich auf ein Zeichen des Entgegenkommens des Iran warte. In der deutschen Öffentlichkeit, in der er ohnehin wegen seiner Kontakte zum Iran kritisiert werde, könnte sonst leicht ein schiefes Bild entstehen, daß die deutsche Seite in diesem Verhältnis mit ihren Anliegen nicht entsprechend vorankomme. Er wolle dies gern verhindern. Die Kooperation des Iran sei dafür aber notwendig. Er brauche sichtbare Zeichen des Entgegenkommens, sonst würde die Kritik an ihm auch wachsen. Langfristig schade der Iran sich selbst, wenn er sich so wenig kooperativ verhalte.
Staatsminister Schmidbauer wünscht dem Gast zum Abschluß des Gesprächs einen guten Rückflug.
(Dr. Hauswedell)